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Harbour Stars · Videoarbeit zu Universum Universalis

Werke aus UNIVERSUM UNIVERSALIS verweisen auf die Unergründlichkeit der Welt und unsere Sehnsucht nach Gewissheit. Tim Becker wagt den imaginären Blick über den Rand der Dimensionen und verweist auf die Immanenz von Spiritualität.

Die größtenteils landschaftlich lesbaren Werke bilden die Bühne für weitere Ebenen. Tim Becker lässt meist eine Horizontlinie erahnbar. Der Horizont kann zum Sinnbild eines Ergeignishorizonts werden, also zu einer dimensionalen Grenze. In einigen Werken befindet sich der Betrachter mitten im Raum, umgrenzt oder frei schwebend im Amorphen.

 

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AIR

Ohne Titel · aus amIreal

Das Expansionsprinzip des Lebens beinhaltet Vervielfältigung, Weitergabe und Multiplikation. Wachstum wird zum Indikator für Weiterentwicklung oder motivierender Hinweis auf unerschlossenes Potenzial.

Diese Anschauung zeigt sich bereits in Beschreibungen von „Ursuppe“, als Zustände des Fließens, Anschwellens und Schäumens: Sporenexplosionen, Bestäubungen und Samenflug dienen als Metapher für die Ausdehnung und Raumgreifung von Lebens-, Gesellschafts- oder Systemformen oder als poetische Anspielung auf Abkapselung, als Aufbruch in neue Sphären aber auch als Hinweis für unkontrollierbare Ausdehnung und uneingeschränkte Auslebung primitiven kriegerischen Expansionstriebs – der ungezügelten Expansionsenergie bis hin zum Kollaps.

Perforierung, Überschreitung und Verletzung von Grenzen verweisen auf die Unbändigkeit dieses Naturalls. Gleichsam kann dieses Expansionsmodell dazu genutzt werden, künstliche neue Raumbildungen zu einem abgeschlossenen System zu fügen. Es wird also nicht nur die reale Welt auf eigentümliche Weise reflektiert, sondern eigene, neue Welten erschaffen. Diese besitzen die Freiheit, die Grenze des empirischen Wissens zu ignorieren, den Sprung zu wagen vom Ufer der entmystifizierenden Wissenschaft ins Meer aller Möglichkeiten und Unmöglichkeiten.

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Tim Becker
Feld der Hüterinnen

„Feld der Hüterinnen“, Triptychon: Über drei gleichgroße querformatige Leinwände ist das Panorama einer Landschaft ausgebreitet. Der Blick über eine weite wüstenähnliche Fläche reicht bis zum Horizont, und fahle Farbverdichtungen suggerieren einen mystischen Raum, der von unzähligen Vertikalen bevölkert ist.

Sie ähneln von Weitem Schilfgewächsen, von Nahem sind Gesichtszüge zu erahnen. Ihre frontale Anordnung in Reihung läßt an kultische Ahnenfiguren denken, an stilisierte Idole, an Totempfähle. Sie dienen den Lebenden zur Mahnung, zur Erinnerung an die eigene Herkunft. Die Textur der Leinwand ist im Vordergrund von einer pastosen, mit Glassplittern, Metallpartikeln und Asche angereicherten Farbmasse überzogen, in der oberen Sphäre hingegen versinkt die Farbmaterie in hauchdünnem, lasierendem Auftrag im Gewebe, entstofflicht bleiben Gesichtszüge erkennbar, durchgeistet, entwest.

Das Feld kann als Feld des Wissens und damit auch des Gewissens verstanden werden, ein Feld, welches durchgangen werden muß, deren Stelenantlitze ein Wissen vertreten. Letztlich könnte man hier auch eine Jüngste-Gericht-Metapher interpretieren. Man steht vor dem Feld des Wissens um einen selbst oder um die ganze Welt. An welches eigene Wissen wird es den Betrachter erinnern?

Dr. S. Liehr

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L1

Land · Landscapes

In seinen ‘landscapes’ löst Becker Landschaften, Seestücke und Städte in teilweise abstrakte Versionen auf, wie geträumt und angereichert mit vielschichtigen Ebenen. 

Er nutzt hierfür Malerei und skulpturale Umsetzungsformen.

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L2

Later

In ‚later‘ oder auch ‚later landscapes‘ vollzieht Tim Becker einen zeitlichen Gedankensprung. Diese Landschaften zeigen einen Zustand in dem Architektur, als zivilisatorische Landmarken, verfallen ist. Wie ein Blick weit nach unserer Zeit oder einen gedanklichen Ort an dem der Mensch kaum noch oder nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Überwucherungen durch die Natur, in der teilweise nur Bruchstücke einstiger Brücken stehen oder Stadtsiluetten, die sich in amorphen Überlagerungen auflösen.

Diese Darstellung nach dem Anthropozän kündet auf weiteren Bildebenen mit energetischen Schraffuren von neuem Leben. Die Perspektive auf diese imaginären Orte spielt mit der großen Dimension der Zeit, in der menschliches Handeln einem Wimpernschlag gleicht und über dem irgendwann wieder Gras wachsen wird.

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PdP

Prinzipien des Beugens · Ausschnitt

Seit der Einführung der Umwelt in den Kampf der Kontrahenten, d.h. der im 20. Jahrhundert umfangreich begonnen Methodik nicht mehr direkt auf den Körper des Feindes, sondern auf dessen Umwelt zu zielen, gleicht die Kriegs-Terrorangst einer ohnmächtigen Naturkatastrophenangst. Menschen planen Katastrophen für andere Menschen.

„Wir erleiden Krieg und Terror naturkatastrophal, also völlig wehrlos. Heute können Menschen explodieren, vom Himmel kann es Feuersturm regnen, der Boden kann uns zerfetzen und wenn wir uns tief in ihm verstecken, können uns die ‘Lungenbrecher’ holen. Selbst unsere atembare unhinterfragt konsumierte Atmosphäre kann feindlich werden und ein Gift bergen.“

In seinen installativen Wandobjekten aus Acryl, Draht und Holz hinterfragt Tim Becker die Prinzipien militärischer Durchsetzung und atomterroristischer Eingriffe. Es stellt sich die Frage, inwieweit Terrorismus nicht als Feindbild zu bezeichnen, sondern eher als Kampfmethode zu verstehen ist. Beckers Werke lassen das attentäterische Prinzip in Kriegskatastrophen erahnen.

„Die Verwundbarkeit unserer Lebensbedingungen ist explizit geworden. Unsere stumm vorausgesetzte Überlebensumwelt befindet sich im Fadenkreuz. Geschlossene Atmosphären werden durchlöchert, Schützendes durchdrungen.“

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1973 in Elmshorn geboren, hat Tim Becker an der Hamburger Akademie für Kommunikationsdesign und Art Direction studiert. Seit 1996 arbeitet er als Designer und freischaffender Künstler und hat einen sich stetig erweiternden Werkkomplex aus vernetzten Themen geschaffen. Seine hauptsächlichen Ausdrucksmittel findet er in der Malerei, Plastik und Installation und Video. Mit raffinierten Mischtechniken (z.B. Wachse, Metalle, Kunststoffe) schafft er intuitive und poetische Werke, die neuartig sind und emotional berühren. Seine meist abstrakt landschaftlichen Arbeiten waren in unterschiedlichen Ausstellungen und internationalen Kunstmessen (z.B. Hamburg, Amsterdam, Rotterdam, England) zu sehen und sind in nationalen und internationalen Sammlungen vertreten. Becker lebt und arbeitet in Hamburg, Schleswig-Holstein und Berlin.


Nichts ist wie es scheint  

Zu den Arbeiten von Tim Becker


Die Arbeiten: Zeichnungen, Bilder, Bildobjekte, Fotografien, Filme und Skulpturen entstammen dem reichhaltigen Fundus eines visuellen Laboratoriums. Tim Becker erkundet intuitiv, experimentiert, kombiniert, manipuliert, gestaltet und verändert mit unterschiedlichen Materialien und Medien die Wahrnehmung der Sinne. Der Künstler führt Regie über den Zufall, den er zulässt oder verwirft, er sammelt Eindrücke, bewahrt Fundstücke, ordnet Ideen und entwickelt ein eigenes Sensorium.

Der Schaffensprozess bleibt in den unterschiedlichen Bildschichtungen sichtbar und wird zum Resonanzraum, in dem sich heterogene Bildelemente zu einer Fülle von Assoziationen verdichten und zu einem Erinnerungsfeld fügen. Das Klischee einer schönen Natur wird infrage gestellt, die Illusion wird gestört, Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen werden unterlaufen.

Die einzelnen Arbeiten gehören Werkgruppen an, die fortgesetzt und weiter entwickelt werden. Sie vereinen sich zu einem offenen Bezugssystem, in dem Benennungen weder einschränken, noch eine einzig gültige Anleitung geben.

Es entstehen Bild-Erfindungen, die Empfindungen auslösen und den Betrachter zu ungestellten Fragen führen, auf die es keine verbindlichen Antworten gibt. 

Themen wie Entwurzelung oder Gefährdung der Natur klingen an, aber auch das Potenzial ihrer Regeneration. Was ist authentisch, was ist real, was ist Fiktion?

Das Sehen, mit Gefühl und Verstand, führt zu neuen Erkenntnissen und zu einer existentiellen Selbstbefragung. Beckers Werke stellen neue Realitäten her und eine Sogwirkung, der man sich als Betrachter nicht entziehen kann. Das Wissen der Welt erfordert Wachsamkeit. Der Blick forscht neugierig und wandert, in die Ferne und zurück. (Dr. Susanne Liehr)

Tim Becker
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